Archiv für Juni 2012

Fußball und der deutsche Mob

Beflügelt vom „nationalen Freudentaumel“, welcher während der Deutschlandspiele beim „Public Viewing“ wohl wieder besonders intensiv war, zeigten sich zwischen den Patrioten auch wieder handfeste Nazis. So berichtet der Soester Anzeiger von Vorfällen am Mittwoch als auch am Samstag.
Aus einem Leserbrief vom Mittwoch dem 13. Juni:

Mein erstes und letztes Rudelgucken…!
[…] In der Stadthalle stark angetrunkene junge Menschen. Bei der Deutschlandhymne wurde der Hitlergruß von einer Gruppe direkt vor der Leinwand ausgeführt. Später wurden sie vom Sicherheitsdienst für eine kurze Weile beobachtet. Etwas später flogen uns die leeren Plastikbecher vom Bier hinten gegen die Beine und wir hatten das Gefühl, dass nicht zur Leinwand geschaut wurde, um das Fußballspiel zu verfolgen, sondern nur rumgegröhlt und gesoffen wurde. Auch gehörten Äußerungen wie: Scheiß Ausländer dazu – gemeint war Portugal; Die ganze Situation empfanden wir als äußert aggressionsgeladen und beschlossen zur Halbzeit, nach Hause zu fahren. […] Unterwegs [Anm. nach Hause] mussten wir noch beobachten, wie Volltrunkene einen dunkelhäutigen Mann am Kiosk mit rassenfeindlichen Sprüchen anmachten.

Aus dem Soester Anzeiger vom Freitag dem 15. Juni:

Hitlergruß zur Nationalhymne – Erneut unschöner Zwischenfall beim Rudelgucken / Polizei holt 15-Jährigen ab
Die Polizei hat einen 15-Jährigen Schüler aus dem Verkehr gezogen, der beim großen Rudelgucken am Mittwochabend in der Stadthalle während der Nationalhymne den Hitlergruß zeigte. […] Bereits beim ersten Public Viewing am vergangenen Samstag waren rechtsradikal Angehauchte aufgefallen, die mit dem Hitlergruß andere Zuschauer provozierten – der Anzeiger berichtete.

Tatsächlich lehnen Nazis, welche organisiert und ideologisch gefestigt sind, in der Regel die Schwarz-Rot-Goldene Fahne als Symbol für die Bundesrepublik Deutschland ab. Sie hingegen wünschen sich ein Deutsches Reich ohne eine aus ihrer Sicht erzwungene „Scheindemokratie“, „Multikultistaat“, „Besatzerherrschaft“, „jüdische Zinsknechtschaft“ oder andere Konstrukte, welche sie herbeiphantasieren. Aber das Märchen, „Fußballpatriotismus“ sei deswegen ungefährlich, ist ebenso falsch. Es gibt keinen toleranten Patriotismus! Allein die Präsenz nationaler Symbole erhöht bei einem Teil der Bevölkerung die Fremdenfeindlichkeit signifikant [siehe: DA und Süddeutsche]. Zudem fördert das „nationale Coming-Out“ weder die Gleichberechtigung noch die Akzeptanz von MigrantInnen, welche an diesem Teilhaben. Die Gefährlichkeit eines deutschen Mobs, welcher sich selbst nicht als rechtsradikal versteht, beweist schon Rostock-Lichtenhagen. Daher kann es nur heißen eine Gesamtkritik am Patriotismus und Nationalismus der Fußballmeisterschaften zu äußern. Die vermeintlichen Einzelfälle von Fremdenfeindlichkeit werden auch durch den Fußballfan, welcher sich nichts Böses denkt und sich dennoch in nationale Symbolik hüllt, begünstigt. Für eine generelle Kritik am Patriotismus und Nationalismus verweisen wir auf die Kampagne Kein Bart für Deutschland und den Text „Wer hat hier was gegen pure Lebenslust?“ von der Zeitschrift Straßen aus Zucker:


Über Fußball und Nationalstolz und was ich Deutschland-Fans entgegnen würde

Am 4.7.2010 wurden Guiseppe L. und Francesco S. in einer Bar in Hannover von Holger B. hingerichtet, einer der Getöteten hatte laut einer Augenzeugin auf Knien um sein Leben gebettelt. Was hatte den Todesschützen so wütend gemacht? Die Deutsch-Italiener hatten behauptet, dass die italienische Herrenfußballmannschaft mehr WM-Titel als die deutsche Auswahl gewonnen hätte – womit sie übrigens auch recht hatten. Ein ziemlich drastisches Beispiel für „fröhlichen Patriotismus“. Die konservative Tageszeitung „Die Welt“ beeilte sich deswegen auch, die zu dieser WM schon wieder in Nationalfarben schwelgenden Massen aus dem Blick zu nehmen, indem sie erklärte, es habe sich ja nicht um einen Streit um die aktuelle, sondern um vergangene Weltmeisterschaften gehandelt. Die aus dem gleichen Lager stammende „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vermerkte den ganzen Vorfall gleich ganz unter „Kneipenstreit“, während die Staatsanwaltschaft Hannover erklärte, sie gehe „von einer Tat aus Mordlust aus“. […]

Konfrontation nach rassistischen Beleidigungen

Scheinbar kam es am 31.05 nach rassistischen Aüßerungen zu einer körperlichen Auseinandersetzung auf dem Campus der FH in Soest, weitere Informationen sind zumindest zur Zeit nicht bekannt.

aus der Polizeipresse:

Zunächst mussten die Beamten kurz vor 01.00 Uhr zum Campus der Fachhochschule, da es bei einer Veranstaltung zu einer Schlägerei gekommen war. Ein 27-jähriger Mann gab an, dass er plötzlich grundlos von zwei südländisch aussehenden Männern angegriffen worden sei. Die Männer hätten ihn zu Boden geschubst und einer ihm mit dem Fuß ins Gesicht getreten. Die beiden Tatverdächtigen meldeten sich kurze Zeit später und gaben an, dass das Opfer ihnen gegenüber rassistische Äußerungen gemacht hatte und es deshalb zu der Prügelei gekommen sei. Das Opfer und die beiden 22 und 23 Jahre alten Tatverdächtigen aus Soest waren deutlich alkoholisiert, alle drei erlitten leichte Verletzungen. Eine Anzeige wegen Körperverletzung wurde erstattet.